Gestern Abend erreichte mich die schockierende Nachricht, dass Adam plötzlich und unerwartet im Alter von 68 Jahren verstorben ist. Diese Nachricht hat mich tief getroffen. Meine Gedanken drehen sich unaufhörlich darum, deshalb möchte ich mir dies von der Seele schreiben.
Im Jahr 2006 war ich bei einer Motorradsportveranstaltung zum ersten Mal in Rumänien. Auch wenn ein solches Event wenig Raum lässt, nach links und rechts zu schauen – meist ist man voll und ganz fokussiert – hat mich Rumänien sofort in seinen Bann gezogen. Deshalb bin ich immer wieder und immer öfter zurückgekehrt, habe Land und Leute abseits des Motorsports im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren und bin dabei vielen wunderbaren Menschen begegnet.
Eine besondere Verbindung im Banat
Fünf Jahre später war Elisabeth zum ersten Mal mit dabei. Auf dieser Reise haben wir Adam und Roswitha kennengelernt. Es war von Anfang an eine ganz besondere Beziehung, die ich schwer in Worte fassen kann. Es hat sich einfach angefühlt, als würden wir uns schon ein Leben lang kennen.
Das Herzstück der Banater Schwaben in Biled
Adam und Roswitha waren in Biled, einem Vorort von Timisoara (Temeschwar), verantwortlich für das Deutsche Forum. Dieses befindet sich in einem ehemaligen Bauernhof, der von einem Auswanderer aus der Gemeinschaft der Banater Schwaben gespendet wurde. Hier betrieben die beiden liebevoll eine Begegnungsstätte mit Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste und einer Küche, die die älteren Menschen der Gemeinde mit Essen versorgt. Einige holten sich ihr Essen selbst ab, anderen wurde es bis ins Haus gebracht.
Ein Leben für die Gemeinschaft
Mit viel Liebe und Akribie hat Adam im Nebengebäude des Forums ein kleines Museum aufgebaut. Er war durch und durch ein Kümmerer. Er versorgte seinen eigenen Hof, führte ein kleines Schneidereigeschäft, kümmerte sich um das Forum sowie den örtlichen Friedhof, war Vorsitzender des Forums der Deutschen in Biled und betreute ganz nebenbei noch einen Handballverein.
Es verging kaum eine Stunde, in der nicht das Telefon klingelte, weil er Fragen beantworten oder mal eben schnell etwas organisieren musste. Dennoch: Wann immer wir – oft auch sehr kurzfristig – vorbeikamen, dauerte es nicht lange, bis er mit dem Fahrrad um die Ecke bog. Er hat sich immer Zeit für uns genommen.
Wir waren oft dort. Manchmal Elisabeth und ich, manchmal hatten wir Freunde dabei, manchmal habe ich mit meinen Motorradfahrern dort einen Zwischenhalt gemacht, und manchmal war ich alleine zu Gast. Oft kamen wir zu spät. Entweder hatten wir eine Panne, brauchten an der Grenze ewig oder wir hatten die Fahrzeit schlichtweg falsch kalkuliert. Wir wussten eigentlich, dass wir rund 12 Stunden bis nach Biled brauchen und dass an der rumänischen Grenze die Uhr eine Stunde vorgestellt wird – aber Letzteres haben wir meistens irgendwie verpeilt.
Doch egal, wann wir ankamen: Entweder wurde über den Gasthof nebenan noch etwas für uns organisiert oder der Ofen in der Forums-Küche wurde extra noch einmal angefeuert. Wir gingen in Biled nie hungrig ins Bett. Und wir fanden immer Zeit für tiefgründige Gespräche – sei es im ehemaligen Pferdestall, den sie liebevoll als Begegnungsraum mit Tischen und Stühlen umgebaut hatten, oder draußen im Gartenpavillon.
Unterschiedliche Welten, gleicher Horizont
Adam und ich waren eigentlich grundverschieden. Ich bin derjenige, der immer neugierig auf die Welt da draußen war und ist, der stets sucht, was hinter dem nächsten Horizont liegt. Er war der Bodenständige, der sich zu Hause in Biled am wohlsten fühlte und Heimweh bekam, wenn er mal für zwei, drei Tage unterwegs war. Trotz seiner tiefen Heimatliebe hatte er jedoch einen weiten Horizont und einen offenen Blick auf die Welt.
Roswitha und er waren immer unglaublich neugierig auf unsere Erzählungen, unsere Reisen und Erfahrungen. Gleichzeitig haben wir von ihnen unheimlich viel über Rumänien, die wechselvolle Geschichte des Landes und die Kultur der Banater Schwaben gelernt. Dass Elisabeth sich heute in Rumänien ebenso wohl fühlt wie ich, hat maßgeblich mit der Herzlichkeit von Roswitha und Adam zu tun.
Echte Gastfreundschaft
Ich erinnere mich an eine Reise in den Orient, als wir mit dem Auto gestrandet waren und auf Ersatzteile warten mussten. Elisabeth war sehr besorgt, ob und wie wir weiterkommen. Die beiden haben uns kurzerhand in ihr Auto verfrachtet und sind mit uns ins Astra-Museum gefahren, wo gerade ein Frühlingsfest stattfand. Mit den Darbietungen, dem riesigen Freilichtmuseum und gutem Essen haben sie uns gekonnt von unseren Sorgen abgelenkt, die wir an jenem Wochenende ohnehin nicht hätten lösen können.
Ein anderes Mal, als ich alleine unterwegs war und ein paar Tage zu Gast sein durfte, fragte ich, ob ich beim Verteilen des Mittagessens helfen könne. Ruckzuck holte Adam irgendwo ein Fahrrad her. Ich bekam einen Beutel mit den Essenscontainern an den Lenker, und fuhr mit Roswitha los. Auf dieser Tour haben wir nicht nur Essen verteilt. Ich bekam einen ungeschönten Einblick, wie die Menschen dort leben, was ihre Nöte sind und wie immens wichtig die Hilfe der beiden tatsächlich war. Denn neben einer warmen Mahlzeit ist ein geduldiges, offenes Ohr oft genauso wichtig. Ganz nebenbei wurden Arzttermine abgesprochen, Verbände gewechselt, Hilfe für Hausreparaturen organisiert oder Leute gesucht, um einen Baum zu fällen.
Das Titelbild dieses Beitrags, ist nach diesen Tagen entstanden. Ich hatte die beiden zum Essen eingeladen, bevor ich am nächsten Tag weiterfuhr. Das Einladen hat selten geklappt, denn für Adam war diese grenzenlose Gastfreundschaft und Hilfe so selbstverständlich, dass er es nicht für nötig hielt, dass man sich dafür bedankte.
Wer gerne mehr über unsere Erlebnisse lesen möchte: Über die Suchfunktion hier im Blog finden sich unter dem Suchbegriff „Biled“ noch einige weitere Beiträge und Anekdoten rund um unsere Zeit mit Adam und Roswitha.
Ein schmerzhafter Abschied
Mit dem Kauf meines eigenen Hauses in Siebenbürgen wurden die Besuche in Biled leider kürzer und seltener. Die wenige freie Zeit floss in die Renovierung. Ich habe oft versucht, um Feiertage herum zu planen, um mehr Zeit herauszuholen. Wenn wir dann auf dem Heimweg nachfragten, waren Adam und Roswitha oft bereits anderweitig für die Gemeinschaft eingespannt.
Es ist unendlich schade. Ich hätte gerne noch viel mehr Zeit mit Adam verbracht. Er war ein durch und durch guter Mensch und ein wahrer Freund.
Liebe Roswitha: Ich wünsche dir von Herzen viel Kraft in diesen schweren Stunden. Für uns ist es ein herber Verlust, ich kann nur erahnen, was dieser Abschied für dich bedeutet.
10 Apr. 2026
Abschied von einem Freund: Adam Csonti
Gestern Abend erreichte mich die schockierende Nachricht, dass Adam plötzlich und unerwartet im Alter von 68 Jahren verstorben ist. Diese Nachricht hat mich tief getroffen. Meine Gedanken drehen sich unaufhörlich darum, deshalb möchte ich mir dies von der Seele schreiben.
Im Jahr 2006 war ich bei einer Motorradsportveranstaltung zum ersten Mal in Rumänien. Auch wenn ein solches Event wenig Raum lässt, nach links und rechts zu schauen – meist ist man voll und ganz fokussiert – hat mich Rumänien sofort in seinen Bann gezogen. Deshalb bin ich immer wieder und immer öfter zurückgekehrt, habe Land und Leute abseits des Motorsports im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren und bin dabei vielen wunderbaren Menschen begegnet.
Inhalt
Eine besondere Verbindung im Banat
Fünf Jahre später war Elisabeth zum ersten Mal mit dabei. Auf dieser Reise haben wir Adam und Roswitha kennengelernt. Es war von Anfang an eine ganz besondere Beziehung, die ich schwer in Worte fassen kann. Es hat sich einfach angefühlt, als würden wir uns schon ein Leben lang kennen.
Das Herzstück der Banater Schwaben in Biled
Adam und Roswitha waren in Biled, einem Vorort von Timisoara (Temeschwar), verantwortlich für das Deutsche Forum. Dieses befindet sich in einem ehemaligen Bauernhof, der von einem Auswanderer aus der Gemeinschaft der Banater Schwaben gespendet wurde. Hier betrieben die beiden liebevoll eine Begegnungsstätte mit Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste und einer Küche, die die älteren Menschen der Gemeinde mit Essen versorgt. Einige holten sich ihr Essen selbst ab, anderen wurde es bis ins Haus gebracht.
Ein Leben für die Gemeinschaft
Mit viel Liebe und Akribie hat Adam im Nebengebäude des Forums ein kleines Museum aufgebaut. Er war durch und durch ein Kümmerer. Er versorgte seinen eigenen Hof, führte ein kleines Schneidereigeschäft, kümmerte sich um das Forum sowie den örtlichen Friedhof, war Vorsitzender des Forums der Deutschen in Biled und betreute ganz nebenbei noch einen Handballverein.
Es verging kaum eine Stunde, in der nicht das Telefon klingelte, weil er Fragen beantworten oder mal eben schnell etwas organisieren musste. Dennoch: Wann immer wir – oft auch sehr kurzfristig – vorbeikamen, dauerte es nicht lange, bis er mit dem Fahrrad um die Ecke bog. Er hat sich immer Zeit für uns genommen.
Wir waren oft dort. Manchmal Elisabeth und ich, manchmal hatten wir Freunde dabei, manchmal habe ich mit meinen Motorradfahrern dort einen Zwischenhalt gemacht, und manchmal war ich alleine zu Gast. Oft kamen wir zu spät. Entweder hatten wir eine Panne, brauchten an der Grenze ewig oder wir hatten die Fahrzeit schlichtweg falsch kalkuliert. Wir wussten eigentlich, dass wir rund 12 Stunden bis nach Biled brauchen und dass an der rumänischen Grenze die Uhr eine Stunde vorgestellt wird – aber Letzteres haben wir meistens irgendwie verpeilt.
Doch egal, wann wir ankamen: Entweder wurde über den Gasthof nebenan noch etwas für uns organisiert oder der Ofen in der Forums-Küche wurde extra noch einmal angefeuert. Wir gingen in Biled nie hungrig ins Bett. Und wir fanden immer Zeit für tiefgründige Gespräche – sei es im ehemaligen Pferdestall, den sie liebevoll als Begegnungsraum mit Tischen und Stühlen umgebaut hatten, oder draußen im Gartenpavillon.
Unterschiedliche Welten, gleicher Horizont
Adam und ich waren eigentlich grundverschieden. Ich bin derjenige, der immer neugierig auf die Welt da draußen war und ist, der stets sucht, was hinter dem nächsten Horizont liegt. Er war der Bodenständige, der sich zu Hause in Biled am wohlsten fühlte und Heimweh bekam, wenn er mal für zwei, drei Tage unterwegs war. Trotz seiner tiefen Heimatliebe hatte er jedoch einen weiten Horizont und einen offenen Blick auf die Welt.
Roswitha und er waren immer unglaublich neugierig auf unsere Erzählungen, unsere Reisen und Erfahrungen. Gleichzeitig haben wir von ihnen unheimlich viel über Rumänien, die wechselvolle Geschichte des Landes und die Kultur der Banater Schwaben gelernt. Dass Elisabeth sich heute in Rumänien ebenso wohl fühlt wie ich, hat maßgeblich mit der Herzlichkeit von Roswitha und Adam zu tun.
Echte Gastfreundschaft
Ich erinnere mich an eine Reise in den Orient, als wir mit dem Auto gestrandet waren und auf Ersatzteile warten mussten. Elisabeth war sehr besorgt, ob und wie wir weiterkommen. Die beiden haben uns kurzerhand in ihr Auto verfrachtet und sind mit uns ins Astra-Museum gefahren, wo gerade ein Frühlingsfest stattfand. Mit den Darbietungen, dem riesigen Freilichtmuseum und gutem Essen haben sie uns gekonnt von unseren Sorgen abgelenkt, die wir an jenem Wochenende ohnehin nicht hätten lösen können.
Ein anderes Mal, als ich alleine unterwegs war und ein paar Tage zu Gast sein durfte, fragte ich, ob ich beim Verteilen des Mittagessens helfen könne. Ruckzuck holte Adam irgendwo ein Fahrrad her. Ich bekam einen Beutel mit den Essenscontainern an den Lenker, und fuhr mit Roswitha los. Auf dieser Tour haben wir nicht nur Essen verteilt. Ich bekam einen ungeschönten Einblick, wie die Menschen dort leben, was ihre Nöte sind und wie immens wichtig die Hilfe der beiden tatsächlich war. Denn neben einer warmen Mahlzeit ist ein geduldiges, offenes Ohr oft genauso wichtig. Ganz nebenbei wurden Arzttermine abgesprochen, Verbände gewechselt, Hilfe für Hausreparaturen organisiert oder Leute gesucht, um einen Baum zu fällen.
Das Titelbild dieses Beitrags, ist nach diesen Tagen entstanden. Ich hatte die beiden zum Essen eingeladen, bevor ich am nächsten Tag weiterfuhr. Das Einladen hat selten geklappt, denn für Adam war diese grenzenlose Gastfreundschaft und Hilfe so selbstverständlich, dass er es nicht für nötig hielt, dass man sich dafür bedankte.
Wer gerne mehr über unsere Erlebnisse lesen möchte: Über die Suchfunktion hier im Blog finden sich unter dem Suchbegriff „Biled“ noch einige weitere Beiträge und Anekdoten rund um unsere Zeit mit Adam und Roswitha.
Ein schmerzhafter Abschied
Mit dem Kauf meines eigenen Hauses in Siebenbürgen wurden die Besuche in Biled leider kürzer und seltener. Die wenige freie Zeit floss in die Renovierung. Ich habe oft versucht, um Feiertage herum zu planen, um mehr Zeit herauszuholen. Wenn wir dann auf dem Heimweg nachfragten, waren Adam und Roswitha oft bereits anderweitig für die Gemeinschaft eingespannt.
Es ist unendlich schade. Ich hätte gerne noch viel mehr Zeit mit Adam verbracht. Er war ein durch und durch guter Mensch und ein wahrer Freund.
Liebe Roswitha: Ich wünsche dir von Herzen viel Kraft in diesen schweren Stunden. Für uns ist es ein herber Verlust, ich kann nur erahnen, was dieser Abschied für dich bedeutet.