Extrudr PETG – Einstellungen optimiert

Für den MultivanPi brauche ich ein Gehäuse. Das soll natürlich idealerweise zur Farbe der Verkleidung des T4 passen. Meistens verwende ich Prusament-Filamente, da gibt es aber den passenden Farbton nicht. Fündig geworden bin ich bei Extrudr.
Der Druck mit den Herstellerangeben war eine böse Überraschung: Massives Stringing (Fädenziehen) und Oozing. Das Modell gleichte eher einem Spinnennetz als einem präzisen Bauteil. Auch der Druck mit den Prusament-Einstellungen war nicht viel besser.

Der Grund dafür ist simpel: Slicer-Profile für Prusament sind auf sehr hohe Temperaturen ausgelegt. Extrudr PETG ist jedoch deutlich fließfreudiger und benötigt völlig andere Parameter, um sauber gedruckt zu werden.
Nun arbeite ich mit meinem Eigenbau-Drucker, kann sein, dass es ein selbstgemachtes Problem ist, das man mit gekauften Druckern nicht hat. Kann ich mir aber nicht vorstellen, deshalb habe ich mal meinen Weg dokumentiert, wie ich mich an die richtigen Einstellungen herantaste.

Die Herstellerangaben im Überblick:
Material: Extrudr PETG grey 1,75mm (1100g Spule)
Drucktemperatur: 210 – 230 °C
Heizbett: 80 – 90 °C
Druckgeschwindigkeit: 20 – 200 mm/s
Dichte: 1,29 g/cm³

Warum das Standard-Profil beim Extrudr PETG versagt

Druckt man Extrudr PETG mit den gängigen Standard-Einstellungen (oft bei 240 bis 250 °C), wird das Material im Hotend schlichtweg zu flüssig. Selbst wenn der Extruder das Filament bei Leerfahrten einzieht (Retraction), tropft das flüssige Material unkontrolliert aus der Düse nach. Kommt dann noch ein Standard-Z-Hop (das Anheben der Düse) dazu, wird das flüssige PETG wie ein heißer Kaugummi in die Höhe gezogen. Die Folge sind dicke Fäden zwischen den Bauteilen.

Ein Retraction-Test aus grauem Extrudr PETG mit starker Fadenbildung (Stringing) zwischen den kleinen Türmchen.
So sieht es aus, wenn man Extrudr PETG mit den heißen Standard-Einstellungen für Prusament druckt: massives Stringing.

Der Weg zu den perfekten Werten: Der Retraction-Test

Um diese Parameter systematisch zu ermitteln, ohne unnötig viel Zeit und Filament zu verschwenden, ist ein spezieller Testdruck der beste Ansatz. Ich habe für meine Testreihen ein sehr simples, aber extrem aussagekräftiges Modell verwendet, das aus drei spitz zulaufenden Türmchen auf einer Grundplatte besteht.

Mein verwendetes Testmodell:
Fast Retraction Test auf Printables.com

Der große Vorteil dieses Modells liegt in der Druckzeit von kaum mehr als zehn Minuten. Die Herangehensweise ist dabei strikt: Man ändert im Slicer immer nur einen einzigen Wert (zum Beispiel zuerst die Temperatur reduzieren) und startet den Druck. Bleiben zwischen den Türmchen dicke Fäden bestehen, passt man den nächsten Wert an (etwa die Einzugslänge). Durch diese schrittweise Isolation der Fehlerquellen sieht man sofort, welche Einstellung den Durchbruch bringt. Sobald der Bereich zwischen den Türmchen frei von Fäden ist, hat man das perfekte Profil für sein PETG gefunden.

Die optimalen Slicer-Einstellungen gegen Stringing

Nach ausführlichen Retraction-Tests und der systematischen Reduzierung von Temperatur und Hubhöhe haben sich folgende Werte als optimal erwiesen, um das Stringing komplett zu eliminieren (getestet mit einem Direct-Drive-Extruder):

  • Drucktemperatur drastisch senken: Während die erste Schicht für eine perfekte Betthaftung bei 230 °C gedruckt werden kann, sollte die Temperatur für alle weiteren Schichten auf 215 °C reduziert werden. Das dämmt den unkontrollierten Materialfluss massiv ein.
  • Einzugslänge (Retract Length) erhöhen: Der Standardwert vieler Drucker (oft 0,8 mm) reicht hier nicht aus. Eine Erhöhung auf 1,4 mm zieht das flüssige Filament weit genug zurück, ohne das Heatbreak zu verstopfen.
  • Einzugsgeschwindigkeit (Retract Speed) anpassen: Ein etwas ruckartigerer Rückzug hilft, den Filamentfaden sauber abreißen zu lassen. 45 mm/s liefern hier hervorragende Ergebnisse.
  • Z-Hop (Hubhöhe) deaktivieren: Einer der wichtigsten Hebel bei PETG. Die Hubhöhe muss zwingend auf 0 mm gestellt werden, da sonst bei jeder Leerfahrt Fäden nach oben gezogen werden.
  • Extrusionsfaktor (Flow) reduzieren: Da das Extrudr PETG so fließfreudig ist, hilft es, den Extrusionsfaktor minimal von 1,0 auf 0,95 zu senken. Das reduziert den Staudruck in der Düse und beseitigt selbst das letzte feine Engelshaar.

Mit diesen Werten lassen sich auch filigrane Türmchen und komplexe Geometrien mit dem Extrudr PETG völlig fadenfrei drucken.

Ein perfekt gedrucktes Retraction-Testmodell aus grauem Extrudr PETG Filament ohne jegliches Stringing auf einem strukturierten Druckbett.
Das finale Ergebnis der optimierten Slicer-Einstellungen: Ein sauberer Retraction-Test mit dem grauen Extrudr PETG komplett ohne Stringing.