Aktualisiert: Ein Bericht über Tradition und Wiederbelebung in Siebenbürgen.
Historie des Urzelnlaufens: Mehr als nur Fasching
Das traditionelle „Urzelnlaufen“ (rumänisch: Carnavalul Lolelor) stammt aus dem Spätmittelalter. Die Wurzeln dieses Brauchtums liegen tief in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen, besonders in der Stadt Agnetheln (Agnita). Mit der massiven Emigration der Siebenbürger Sachsen aus Rumänien ist der Brauch in vielen Dörfern fast verschwunden, doch seine Faszination bleibt.
Diese – ursprünglich sächsische – Gepflogenheit bezieht die Zunfttraditionen des Mittelalters mit ein. Sie stellt die traditionellen Handwerke vor, symbolisiert das lautstarke Verjagen des Winters und markiert in einem raffiniert humoristischen Zusammenhang den Übergang in ein neues Jahr.
Die Legende: Wie die mutige Ursula die Tataren vertrieb
Warum aber tragen die Urzeln diese zotteligen, fast furchteinflößenden Kostüme? Die Legende führt uns zurück in die Zeit der Tatareneinfälle. Als die Stadt (der Überlieferung nach Agnetheln) belagert wurde und die Bewohner vor Angst in der Kirchenburg erstarrten, fasste sich eine mutige Frau ein Herz: Ursula.
Sie zog ihr fellbesetztes Gewand verkehrt herum an, sodass das zottelige Futter nach außen zeigte, schwärzte sich das Gesicht mit Ruß, hängte sich scheppernde Glocken um und stürmte mit einer Peitsche knallend aus dem Festungstor. Die Tataren, die glaubten, ein Dämon greife sie an, flohen in Panik. Aus „Ursula“ wurde im sächsischen Dialekt „Urzel“ – und das Zottelgewand ist bis heute das Markenzeichen der Winteraustreibung.
Wusstest du schon? (Etymologie)
Neben der schönen Ursula-Legende gibt es eine nüchternere Theorie zur Namensherkunft: Das Wort könnte sich von den „Urzen“ (oder „Uruzen“) ableiten. Das waren im Mittelhochdeutschen Stoffreste oder Abfälle der Tuchmacher und Kürschner. Da die Zünfte den Brauch pflegten und die Kostüme ursprünglich aus Stoffresten gefertigt wurden, liegt diese Herleitung nah.
Peitsche, Glocke und Krapfen: Die Symbolik
Ein Urzel ist nicht einfach nur verkleidet, jedes Teil seiner Ausrüstung hat eine rituelle Funktion, die Jahrhunderte alt ist:
- Die Peitsche (Knallpeitsche): Das laute Knallen (Pätschen) soll böse Geister vertreiben und demonstriert die Wehrhaftigkeit der Zünfte.
- Die Glocken (Schellen): Der Lärm dient dazu, den Winter und die Natur „aufzuwecken“.
- Die Krapfen: Der Urzel verteilt traditionell Hefegebäck (Krapfen) an die Zuschauer. Das ist mehr als eine Nettigkeit – es ist ein Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand im kommenden Jahr.
Der Urzelnlauf in Großschenk (Cincu)
Nur wenige Orte in Siebenbürgen hatten eine so ausgeprägte Faschingstradition wie Großschenk. Hier gab es einen ganz speziellen, einmaligen Brauch: Das Narrengericht.
Die Urzeln zogen durch die Gemeinde und gaben in Reimen lustige, aber auch peinliche Geschichten aus dem Ort wieder, die sich im Jahr davor zugetragen hatten. Es war das gesellschaftliche Ventil der Gemeinschaft: Einmal im Jahr durfte die ungeschminkte Wahrheit gesagt werden. Die neugierigen Einwohner kamen auf die Straße, bewirteten die Urzeln mit Krapfen und Getränken und hofften bang, sich nicht in den Spott-Reimen wiederzuerkennen. Am Abend fand dann ein großer Urzelball im Gemeindesaal statt.
In Großschenk (Cincu) gibt es das Urzeln wahrscheinlich seit dem Spätmittelalter (ca. 1250-1500). Im Jahr 1941 wurde der Brauch kriegsbedingt verboten. 1969 wurde er wieder zugelassen, wobei die Auswanderungswelle später dafür sorgte, dass er erneut einschlief. Der letzte historische Urzellauf mit Narrengericht in Großschenk fand 1994 statt und wurde mit der Großschenkerin Hedda Wonner auch durch das Fernsehen begleitet. Später kamen dann die Agnethler Urzeln ab und an zu Besuch.
Wiederbelebung und Zukunft
Eine kleine Gruppe um Martin Mertensacker und Mihai Gottschling arbeitet daran, das Brauchtum der Siebenbürger am Ort des Ursprungs erneut aufleben zu lassen. Auch wenn die Kultur der Siebenbürger Sachsen vor allem deshalb 850 Jahre überstanden hat, weil die Bräuche unverändert blieben, so ist es nun notwendig, Kompromisse zu finden. Zu wenige Sachsen sind in den Dörfern übrig geblieben.
So wird die Veranstaltung heute oft zweisprachig durchgeführt und bezieht die rumänische Bevölkerung mit ein. Nur so findet man eine Basis, das Brauchtum vor Ort fortzuführen. Dass dies ein Erfolgsmodell ist, zeigt sich auch in vielen Trachtengruppen, die schon lange nicht mehr ausschließlich aus den Ethnien bestehen, denen die Tracht zuzuordnen ist.
Parallel dazu wird der Brauch im Ausland gepflegt: In Augsburg finden jedes Jahr große Urzelnläufe der ausgewanderten Siebenbürger Sachsen statt.
Ich habe bei den Aufräumarbeiten bei mir im Haus eine alte Faschingszeitung von 1976 gefunden und sie dem Martin zukommen lassen. Vielleicht ein kleiner Baustein zur Neuauflage dieser Tradition.
Ich bin schon sehr gespannt.
Als Termin wurde der 28.01.2017 festgelegt. Traditionell gibt es nach dem Urzelnlauf auch einen Faschingsball im Căminul Cultural. Zur Verstärkung werden auch die Agnethler Urzeln erwartet.
Also fix ein Zeitfenster geblockt, einen Flug gebucht und nach einer Übernachtungsmöglichkeit gesucht. Da ich meine freie Zeit heuer in die Renovierung meines Hauses stecken will, ist das Zeitfenster nicht allzu groß. Ich fliege am Donnerstag Abend nach Sibiu und am Montag Abend darauf wieder zurück. Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, denn die Tage vor Ort will ich auch nutzen, um ein paar organisatorische Sachen fürs Haus zu klären und die Gelegenheit nutzen, um mich den Großschenkern vorzustellen und diese kennenzulernen.
Häufige Fragen zum Urzelnlauf (FAQ)
Was ist ein „Urzel“?
Die Urzeln sind maskierte Gestalten mit Peitschen und Kuhglocken, die traditionell den Winter vertreiben. Ihr Kostüm besteht oft aus alten Stoffresten (Zotteln) oder Fell, was sie furchteinflößend und laut macht.
Wann findet der Urzelnlauf statt?
Der Brauch ist eine Faschingstradition und findet meist Ende Januar oder im Februar statt („Fasching der Zünfte“).
Mein Fototipp:
Für uns Fotografen ist der Urzelnlauf ein Fest der Texturen. Die wilden Zottelkostüme vor den alten Mauern der siebenbürgischen Kirchenburgen bieten einmalige Kontraste. Achte auf kurze Verschlusszeiten (mindestens 1/500 sek), da die Urzeln ständig in Bewegung sind und ihre Peitschen extrem schnell knallen lassen!
28 Jan. 2017
0 Comments28.01.2017 Urzelnlauf in Großschenk (Cincu)
Inhalt
Historie des Urzelnlaufens: Mehr als nur Fasching
Das traditionelle „Urzelnlaufen“ (rumänisch: Carnavalul Lolelor) stammt aus dem Spätmittelalter. Die Wurzeln dieses Brauchtums liegen tief in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen, besonders in der Stadt Agnetheln (Agnita). Mit der massiven Emigration der Siebenbürger Sachsen aus Rumänien ist der Brauch in vielen Dörfern fast verschwunden, doch seine Faszination bleibt.
Diese – ursprünglich sächsische – Gepflogenheit bezieht die Zunfttraditionen des Mittelalters mit ein. Sie stellt die traditionellen Handwerke vor, symbolisiert das lautstarke Verjagen des Winters und markiert in einem raffiniert humoristischen Zusammenhang den Übergang in ein neues Jahr.
Die Legende: Wie die mutige Ursula die Tataren vertrieb
Warum aber tragen die Urzeln diese zotteligen, fast furchteinflößenden Kostüme? Die Legende führt uns zurück in die Zeit der Tatareneinfälle. Als die Stadt (der Überlieferung nach Agnetheln) belagert wurde und die Bewohner vor Angst in der Kirchenburg erstarrten, fasste sich eine mutige Frau ein Herz: Ursula.
Sie zog ihr fellbesetztes Gewand verkehrt herum an, sodass das zottelige Futter nach außen zeigte, schwärzte sich das Gesicht mit Ruß, hängte sich scheppernde Glocken um und stürmte mit einer Peitsche knallend aus dem Festungstor. Die Tataren, die glaubten, ein Dämon greife sie an, flohen in Panik. Aus „Ursula“ wurde im sächsischen Dialekt „Urzel“ – und das Zottelgewand ist bis heute das Markenzeichen der Winteraustreibung.
Neben der schönen Ursula-Legende gibt es eine nüchternere Theorie zur Namensherkunft: Das Wort könnte sich von den „Urzen“ (oder „Uruzen“) ableiten. Das waren im Mittelhochdeutschen Stoffreste oder Abfälle der Tuchmacher und Kürschner. Da die Zünfte den Brauch pflegten und die Kostüme ursprünglich aus Stoffresten gefertigt wurden, liegt diese Herleitung nah.
Peitsche, Glocke und Krapfen: Die Symbolik
Ein Urzel ist nicht einfach nur verkleidet, jedes Teil seiner Ausrüstung hat eine rituelle Funktion, die Jahrhunderte alt ist:
Der Urzelnlauf in Großschenk (Cincu)
Nur wenige Orte in Siebenbürgen hatten eine so ausgeprägte Faschingstradition wie Großschenk. Hier gab es einen ganz speziellen, einmaligen Brauch: Das Narrengericht.
Die Urzeln zogen durch die Gemeinde und gaben in Reimen lustige, aber auch peinliche Geschichten aus dem Ort wieder, die sich im Jahr davor zugetragen hatten. Es war das gesellschaftliche Ventil der Gemeinschaft: Einmal im Jahr durfte die ungeschminkte Wahrheit gesagt werden. Die neugierigen Einwohner kamen auf die Straße, bewirteten die Urzeln mit Krapfen und Getränken und hofften bang, sich nicht in den Spott-Reimen wiederzuerkennen. Am Abend fand dann ein großer Urzelball im Gemeindesaal statt.
In Großschenk (Cincu) gibt es das Urzeln wahrscheinlich seit dem Spätmittelalter (ca. 1250-1500). Im Jahr 1941 wurde der Brauch kriegsbedingt verboten. 1969 wurde er wieder zugelassen, wobei die Auswanderungswelle später dafür sorgte, dass er erneut einschlief. Der letzte historische Urzellauf mit Narrengericht in Großschenk fand 1994 statt und wurde mit der Großschenkerin Hedda Wonner auch durch das Fernsehen begleitet. Später kamen dann die Agnethler Urzeln ab und an zu Besuch.
Wiederbelebung und Zukunft
Eine kleine Gruppe um Martin Mertensacker und Mihai Gottschling arbeitet daran, das Brauchtum der Siebenbürger am Ort des Ursprungs erneut aufleben zu lassen. Auch wenn die Kultur der Siebenbürger Sachsen vor allem deshalb 850 Jahre überstanden hat, weil die Bräuche unverändert blieben, so ist es nun notwendig, Kompromisse zu finden. Zu wenige Sachsen sind in den Dörfern übrig geblieben.
So wird die Veranstaltung heute oft zweisprachig durchgeführt und bezieht die rumänische Bevölkerung mit ein. Nur so findet man eine Basis, das Brauchtum vor Ort fortzuführen. Dass dies ein Erfolgsmodell ist, zeigt sich auch in vielen Trachtengruppen, die schon lange nicht mehr ausschließlich aus den Ethnien bestehen, denen die Tracht zuzuordnen ist.
Parallel dazu wird der Brauch im Ausland gepflegt: In Augsburg finden jedes Jahr große Urzelnläufe der ausgewanderten Siebenbürger Sachsen statt.
Ich habe bei den Aufräumarbeiten bei mir im Haus eine alte Faschingszeitung von 1976 gefunden und sie dem Martin zukommen lassen. Vielleicht ein kleiner Baustein zur Neuauflage dieser Tradition.
Häufige Fragen zum Urzelnlauf (FAQ)
Was ist ein „Urzel“?
Die Urzeln sind maskierte Gestalten mit Peitschen und Kuhglocken, die traditionell den Winter vertreiben. Ihr Kostüm besteht oft aus alten Stoffresten (Zotteln) oder Fell, was sie furchteinflößend und laut macht.
Wann findet der Urzelnlauf statt?
Der Brauch ist eine Faschingstradition und findet meist Ende Januar oder im Februar statt („Fasching der Zünfte“).
Für uns Fotografen ist der Urzelnlauf ein Fest der Texturen. Die wilden Zottelkostüme vor den alten Mauern der siebenbürgischen Kirchenburgen bieten einmalige Kontraste. Achte auf kurze Verschlusszeiten (mindestens 1/500 sek), da die Urzeln ständig in Bewegung sind und ihre Peitschen extrem schnell knallen lassen!