Dienstag, 24.08.2010 Der Ruggestein bei Sokndal: Das geologische Wunder des wackelnden Riesen

Norwegen im Regen hat seine ganz eigene, melancholische Schönheit – man muss nur bereit sein, sie zu entdecken. Unser Tag startete mit tief hängenden Wolken, doch das Ziel war zu spektakulär, um in der Hytte zu bleiben: der Ruggestein bei Sokndal, der größte Wackelstein Nordeuropas. Unsere Tour mit der Yamaha XT550 führte uns über die legendäre Küstenstraße 44 mitten hinein in den Magma Geopark, ein UNESCO-Welterbe, das mit dem geschichtsträchtigen Jøssingfjord und bizarren Felsformationen aufwartet. Begleite uns auf eine Reise zu einem 70 Tonnen schweren Stein, den man mit einer Hand bewegen kann, und erfahre, warum das Wetter in Südnorwegen nebensächlich ist, wenn die Geologie so beeindruckend wird.

Heute früh regnet es, als wir die Augen aufschlagen. Wir überlegen, wie wir den Tag angehen und entschließen uns, noch eine Nacht länger hier zu bleiben. An der Dusche herrscht reger Andrang, als ich zurückkomme, hat es gerade etwas aufgehört und es wird hell am Horizont.

Aufbruch im Regen: Von Flekkefjord nach Sokndal

Elisabeth hat offensichtlich Spaß am Motorrad mit-fahren gefunden und schlägt vor, dass wir die geplante Motorradtour machen sollten, ein klein wenig Regen stört dabei nicht. Ich bin erstaunt über diesen Entschluss und freue mich gleichzeitig sehr darüber, auch wenn mein Blick gen Himmel nichts gutes erahnen lässt.

Küstenstraße 44: Kurvenreich trotz Dauerregen

Wir ziehen schon mal vorsorglich die Regenhosen über und machen uns gegen 10:00 auf den Weg. Dieser führt uns über die E39 bis zur Ausfahrt Flekkjefjord und dann über die spektakuläre Küstenstraße 44 (Nordsjøvegen). Normalerweise bietet diese Strecke atemberaubende Ausblicke auf das Meer und die zerklüftete Felsenlandschaft. Heute jedoch war die Sicht durch den Dunst stark eingeschränkt. Das Fahren auf dem nassen Asphalt erforderte volle Konzentration, doch die XT550 meisterte die engen Kehren gewohnt souverän.
Flekkjefjord hat ein holländisches Viertel, das sehen wir uns vom Motorrad aus an, es regnet leicht, weshalb wir auf eine Begehung zu Fuß verzichten. Dann halten wir noch kurz vor einer Bank, um Geld zu tauschen, was uns 200 NOK Lehrgeld kostet und eine Erfahrung reicher macht: Tausche nie in Norwegen auf einer Bank Dein Geld, entweder in extra Wechselstuben oder hol Dir Geld vom Automaten, die Dinger heißen hier Minibank. Die Wechselgebühr der Bank betrug die besagten 200 NOK, was in etwa 25 Euro entspricht!

Die visuellen Reize der folgenden Route entschädigen ein wenig, auch denn der Wettertroll seinen Spaß daran gefunden hat, den Wasserhahn ständig auf- und zuzudrehen.

Jøssingfjord: Geschichte und Geologie auf engstem Raum

Wir passieren wir den geschichtsträchtigen Jøssingfjord. Bekannt durch den „Altmark-Zwischenfall“ im Zweiten Weltkrieg, beeindruckt der Fjord heute vor allem durch die beiden kleinen Häuser unter dem Felsvorsprung „Helleren“. Trotz des Regens hielten wir kurz inne, um die gewaltigen Felswände zu bestaunen, die hier fast senkrecht in die Höhe ragen.

Wir durchfahren die Gegend, wo Titan abgebaut wird, folgen weiter der 44, die sich den Berg hinauf schwingt und in abenteuerlichen Tunneln durch den Berg gebohrt wurde. Teilweise ist noch der alte Weg zu sehen, der früher außen am Fels entlang führte.

Kurz vor Hauge machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Ruggestein, einem ca. 60 Tonnen schweren Felsen, der sich mit bloßen Händen in Bewegung bringen lässt – natürlich nur, weil wir gut gefrühstückt haben 😉

Was ist der Ruggestein? Ein 70-Tonnen-Koloss, der wackelt

Nach einem kurzen Fußweg durch das feuchte norwegische Gelände standen wir vor ihm: dem Ruggestein. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein gewaltiger, unbeweglicher Felsbrocken, der wahllos in der Landschaft liegt. Doch der Schein trügt.

Der Ruggestein ist ein sogenannter Wackelstein. Das Besondere: Trotz seines immensen Gewichts von geschätzt 70 bis 80 Tonnen ruht er so perfekt ausbalanciert auf einer felsigen Unterlage, dass eine einzelne Person ihn mit bloßen Händen in spürbare Schwingung versetzen kann. Es ist ein surreales Gefühl, wenn man gegen diesen Koloss drückt und merkt, wie die Trägheit der Masse plötzlich einer sanften Bewegung weicht.

Fakten zum Ruggestein (Sokndal)

  • Gewicht: ca. 70.000 – 80.000 kg

  • Dimensionen: Etwa 3 Meter hoch und 6 Meter lang

  • Rekord: Gilt als der größte bewegliche Gesteinsblock in Nordeuropa

  • Status: Seit 1923 als geologisches Denkmal geschützt

Geologie: Wie die Eiszeit den Wackelstein formte

Wie kommt ein solcher Riese in diese prekäre Balance? Die Antwort liegt in der letzten Eiszeit. Als die gewaltigen Gletscher Skandinaviens vor rund 10.000 Jahren schmolzen und sich zurückzogen, hinterließen sie sogenanntes Gletschersediment und Findlinge.

Der Ruggestein blieb genau an einer Stelle liegen, an der die Kontaktfläche zum Boden minimal und der Schwerpunkt perfekt zentriert ist. Dass solche Steine über Jahrtausende nicht durch Erosion oder Erdbeben ihre Balance verlieren, ist ein seltenes Glück der Naturgeschichte.

Anfahrt zum Ruggestein: Mit der XT550 durch das Hinterland

Die Anreise zum Ruggestein ist für Motorradfahrer besonders reizvoll, sofern man vor ein paar Kilometern Schotter und kurvigen Waldwegen nicht zurückschreckt. Wir sind von Sokndal aus in das Hinterland eingetaucht.

  • Tipp für Motorradfahrer: Die Wege hier sind oft einsam. Wir begegneten nur einem Linienbus und einem LKW – die ideale Gegend, um die Geländegängigkeit der XT550 auszukosten.

  • Wanderschuhe nicht vergessen: Vom Parkplatz aus führt ein gut markierter, aber bei Regen rutschiger Pfad zum Stein. Motorradstiefel mit guter Sohle sind hier das Minimum.

 

Da der Regen eher heftiger zu werden scheint, beschließen wir, die Tour abzukürzen, so halten wir uns Richtung Nordost nach Moi, um von da aus ein kurzes Stück die E39 zu nehmen, aber nur bis zu einem weiteren Highlight: Der steilsten Straße hier in Norwegen. Diese führt mit 39% steil bergauf mit abenteuerlichen Kehren, zu schmal um sich zu begegnen. Deshalb darf sie nur von Nord nach Süd befahren werden. Für die XT ist das kein Problem, einzig bei den Kehren muss ich ein wenig aufpassen beim Gasgeben, mit den Koffern und Elisabeth als Sozia neigt sie bei steilen Auffahrten gerne dazu, das Vorderrad in die Luft zu heben.

Weiter geht es über unbefestigten Weg nach Sira, hier halte ich mich erst Links, dann rechts den Berg hoch, wo wir von weit oben auf das Sirdalsvatn hinabschauen können. Der Weg führt um den Berg herum, dann wieder bergab.

Der kürzeste Weg, den ich dem Navi abgefragt habe, führt uns fast ausschließlich über unbefestigte Straßen, eine davon ganz neu aufgekiest und entsprechend schwammig zu befahren. Andere Fahrzeuge treffen wir nur drei: Einen Linienbus, der das Gebiet erschließt, einem LKW mit Hänger, der mit dem Aufkiesen beschäftigt ist, und einem PKW mit deutschem Kennzeichen, dem wir mitten im Wald begegnen.

Pfifferlinge und Lammfleisch: Kulinarisches Südnorwegen

Kein Tag in Norwegen ohne die Schätze des Waldes. Auch bei Regen wurden wir fündig und konnten eine Handvoll Pfifferlinge ernten. Da die Fundstelle von vor zwei Tagen noch nicht nachgewachsen war, blieb es bei einer kleinen Beilage. Die kleinen gelben Köpfchen, die dort zu sehen sind, lassen wir zurück.

Bei der Hytter angekommen gibt es trockene Klamotten, einen heißen Tee für Elisabeth und eine schnell fabrizierte Suppe für mich. So aufgewärmt wechseln wir aufs Auto um nach Kvinestal zu fahren.
Abgerundet wurde der Tag durch ein kulinarisches Highlight: Wir ergatterten zwei prachtvolle Lamm-Beinscheiben für umgerechnet nur 7 Euro. In der Hytter lecker zubereitet, war dies die perfekte Belohnung für die Regenfahrt und das „Stein-Rücken“.